Stiefel auf der Treppe – eine Erinnerung und eine Frage aus der Geschichte

Ein persönlicher Versuch, über Vertrauen in die Polizei, Erinnerungen aus der NS-Zeit und die Bedeutung von Erinnerungskultur nachzudenken.

Hinweis für meine Leserinnen und Leser:

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem historischen Thema, das auf meinem Blog bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Es geht um persönliche Erinnerungen, um die Rolle staatlicher Institutionen und um Fragen rund um die Zeit des Nationalsozialismus und den Holocaust.

Mir ist bewusst, dass solche Themen nicht jeder lesen möchte. Wer sich damit nicht beschäftigen möchte, darf diesen Beitrag selbstverständlich überspringen.

Für alle anderen gilt: Der Text ist ein persönlicher Versuch, Gedanken zu ordnen und Fragen zu stellen – keine wissenschaftliche Abhandlung.

Wenn Gedanken verloren gehen

Manchmal bereue ich es, wenn ich Gedanken nicht sofort festhalte. In meinem Wochenrückblick vom 15.03.2026 auf meinem Blog Brigantis Kosmos habe ich kurz über den Vortrag von Günter Pesler geschrieben und einen ausführlicheren Beitrag angekündigt.

Ich hatte dazu viele Gedanken im Kopf und hätte sofort weiterschreiben können. Jetzt – einige Tage später – ist mein Kopf erstaunlich leer. Die Idee, die ich hatte, ist verschwunden.

Trotzdem habe ich einen Beitrag versprochen. Also arbeite ich mich Schritt für Schritt wieder an das Thema heran.

Eine Kindheitserinnerung aus einer anderen Zeit

Vor fast dreizehn Jahren begann ich im Kirchenchor zu singen. Dort lernte ich Gertrud kennen. Später stellte sich heraus, dass ihr verstorbener Mann mit meinem Schwiegersohn verwandt war. Eines Tages lud sie mich zu einem Kaffee ein.

Während unseres Gesprächs erzählte sie mir von einer Erinnerung aus ihrer Kindheit. Gertrud war Jahrgang 1932 und ist im Oktober 2024 verstorben.

Sie sagte:
„Es war keine schöne Zeit damals. Mein Vater war sehr katholisch und weigerte sich, die Fahne an unserem Haus zu hissen.“

Eines Tages klingelte es. Sie hörte schwere Stiefel auf der Treppe.

„Ich hatte große Angst“, erzählte sie. „Nach dem Besuch hing auch an unserem Haus die Fahne.“

Über ihren Vater sagte sie:
„Aber tief in seinem Inneren ist er sich treu geblieben.“

Als sie davon berichtete – von den Stiefeln auf der Treppe und den Männern in den schwarzen Mänteln – verstand ich zwar, wer gemeint war. Doch das Grauen, das in ihrer Stimme lag, konnte ich nicht wirklich nachempfinden.

Mein eigenes Bild von Polizei

Ich bin Jahrgang 1967 und in einer Zeit des Friedens aufgewachsen. Mein Bild von Polizei ist ein völlig anderes.

In meinem Leben habe ich sie vor allem als eine Institution erlebt, die hilft, schützt und Ordnung sichert.

Fotoquelle: pixabay

Nach einem Autounfall wurde mir schnell und professionell geholfen. Nach einem Einbruch in meinen Keller nahm die Polizei den Fall auf. Als mein Sohn und seine Freunde von Jugendlichen durch die Straßen gejagt wurden, half sie dabei, die Täter zu ermitteln.

In der Klasse meines anderen Sohnes – damals im sechsten Schuljahr – wurde ein Sexualstraftäter identifiziert und festgenommen, bevor noch mehr passieren konnte.

Auch im Alltag sehe ich die Polizei in vielen unterstützenden Situationen: Sie regelt den Verkehr bei Festzügen, sorgt für Sicherheit bei Veranstaltungen und erklärt bereits Kindergartenkindern, wie sie sich im Straßenverkehr verhalten sollen.

Ein besonders prägender Fall in meiner Familie war ein Brandanschlag, bei dem mein Schwiegersohn bei dem das Leben meines Schwiegersohnes bedroht war. Auch hier konnten die Täter ermittelt werden.

Diese Erfahrungen haben mein Vertrauen in die Polizei geprägt.

Zwischen Vertrauen und Realität

Natürlich bin ich nicht naiv. Wer Nachrichten verfolgt, sieht auch andere Bilder.

Wenn man den Begriff „Polizeigewalt“ sucht, findet man Beispiele aus vielen Ländern. Aktuell wird viel über die amerikanische Einwanderungsbehörde ICE diskutiert.

Gleichzeitig nimmt auch die Gewalt gegen Polizeibeamte zu. Einige junge Menschen aus meinem Umfeld haben sich in den letzten Jahren vereidigen lassen. Ich bewundere ihren Mut. Der Respekt gegenüber Polizisten scheint zu sinken.

In einer Welt, in der viele glauben, ihr eigenes Recht durchsetzen zu können, wird auch der Begriff „Staatsgewalt“ zunehmend kritisch betrachtet.

Der schwierige Blick in die Vergangenheit

Vielleicht liegt genau hier der Punkt, der mich wieder zu dem Vortrag zurückführt, über den ich eigentlich schreiben wollte. Der erste Teil trug den Titel „Vernichtungsvorgänge abwickeln“ und beschäftigte sich mit der Rolle der Polizei während der nationalsozialistischen Verbrechen.

Mein Bild der Polizei ist geprägt von persönlichen Erfahrungen in einem demokratischen Rechtsstaat. Gertruds Erinnerung dagegen stammt aus einer Zeit, in der staatliche Macht ganz anders erlebt wurde.

Die Stiefel auf der Treppe, von denen sie erzählte, standen nicht für Hilfe oder Schutz. Sie standen für Angst.

Und vielleicht ist genau das der Unterschied, über den wir sprechen müssen, wenn wir über die Polizei zwischen 1933 und 1945 sprechen.

Eine Frage, die nachwirkt

Zur Erinnerung noch einmal die Frage von Herrn Pesler aus seinem Vortrag – eine Frage, die mir seitdem im Kopf geblieben ist.

Warum haben sich Polizisten, die vor 1933 keine Mörder waren und nach 1945 auch nicht, in der Zeit dazwischen an einem staatlich organisierten Genozid beteiligt?

Patrouille von Polizei und SS-Mann als Hilfspolizist am Tag der Wahl [ © Bundesarchiv, Bild 102-14381 / CC-BY-SA ] Quelle Foto: www.zeitklicks.de

Um sie wirklich zu beantworten, reicht weder ein einzelner Blogbeitrag noch eine Fortbildung. Geschichte lässt sich nur rückblickend betrachten. Die Beweggründe der Menschen zu verstehen, kann immer nur ein Versuch sein.

Auf der Internetseite von Herrn Pesler kann man nachlesen, an welchem Projekt er beteiligt war. So wie ich es verstehe, geht es dabei darum, Erinnerungskultur zu fördern und historische Zusammenhänge sichtbar zu machen und aufzuarbeiten. In der Institution Polizei genauso wie in der Gesellschaft.

Schweigen in vielen Familien

In meiner eigenen Familie war diese Zeit lange kein Thema.

Meine Eltern – Jahrgang 1935 und 1936 – wollten mir kaum etwas darüber erzählen. Sie versuchten eher, diese Jahre hinter sich zu lassen.

Dabei waren ihre Erfahrungen sehr unterschiedlich. Meine Mutter wuchs im Saarland auf und hatte andere Erinnerungen als mein Vater. Mein Vater wurde als Kind evakuiert, sein Vater befand sich in russischer Kriegsgefangenschaft. Der Vater meiner Mutter dagegen war Lokomotivführer und als Staatsbediensteter angestellt.

Die Lebensumstände waren verschieden – aber eines schien ähnlich: Über vieles wurde später nicht mehr gesprochen.

Warum Erinnerung wichtig bleibt

Gerade deshalb halte ich es – wie Herr Pesler und viele andere – für wichtig, sich weiterhin mit dieser Zeit zu beschäftigen.

Die Menschen, die sie selbst erlebt haben, werden immer weniger. Ihre Erinnerungen verschwinden nach und nach. Wenn wir nicht versuchen zuzuhören und zu verstehen, verlieren wir auch einen Teil unseres historischen Gedächtnisses.

Erinnerungskultur bedeutet nicht, einfache Antworten zu finden. Sie bedeutet, Fragen zu stellen und sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Ein persönlicher Moment beim Schreiben

Während ich diesen Beitrag schreibe, bemerke ich etwas Interessantes an mir selbst.

Ich frage mich: Werde ich Leser verlieren, wenn ich über dieses Thema schreibe? Oder – ein noch unangenehmerer Gedanke – könnte mir etwas passieren, wenn ich beginne, über den Holocaust zu schreiben?

Ob diese Sorge real ist oder nur durch Medienberichte beeinflusst wird, spielt eigentlich keine große Rolle. Der Gedanke ist da.

Bis zu diesem Moment habe ich sogar gezögert, das Wort „Holocaust“ überhaupt aufzuschreiben.

Der Blick auf die Polizei damals

Vielleicht liegt genau hier der Grund, warum mich der Vortrag von Herrn Pesler so beschäftigt hat.

Mein eigenes Leben ist geprägt von Erfahrungen mit einer Polizei, die hilft, schützt und in einem demokratischen Rechtsstaat arbeitet. Meine Erinnerungen sind die eines Menschen, der in Frieden aufgewachsen ist.

Doch die Geschichte zeigt, dass staatliche Institutionen nicht immer so erlebt wurden.

Die Männer, von denen Gertrud erzählte – die Stiefel auf der Treppe, die schwarzen Mäntel – standen für sie nicht für Sicherheit. Sie standen für Angst. Für Druck. Für eine Zeit, in der staatliche Macht anders ausgeübt wurde als wir es heute gewohnt sind.

Gerade deshalb ist es wichtig, sich mit der Rolle der Polizei zwischen 1933 und 1945 auseinanderzusetzen. Nicht, um vorschnell zu urteilen. Sondern um zu verstehen, wie staatliche Institutionen in einem anderen politischen System handeln konnten – und welche Verantwortung daraus für die Gegenwart entsteht.

Darum werde ich auch den 2. Vortrag von Herrn Pesler mit dem Titel „Es kann sich keiner mehr erinnern“ besuchen.

Warum Erinnerung notwendig bleibt

Vielleicht ist das auch die eigentliche Antwort auf die Frage aus dem Vortrag.

Erinnerung ist nicht bequem. Sie stellt Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Sie zwingt uns, genauer hinzusehen – auch dort, wo es unangenehm wird.

Aber genau deshalb ist sie wichtig.

Denn nur wenn wir verstehen, wie Menschen damals gehandelt haben und welche Rolle staatliche Institutionen gespielt haben, können wir heute bewusster mit Freiheit, Recht und Verantwortung umgehen.

Und vielleicht hören wir dann auch anders hin, wenn jemand von „Stiefeln auf der Treppe“ erzählt.

Fotoquelle: pascalgymnasium Die Villa ten Hompel

Der heutige Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster – ehemalige Fabrikantenvilla, Sitz der Ordnungspolizei im Nationalsozialismus, Ort der Entnazifizierung und Dezernat für Wiedergutmachung im Nachkriegsdeutschland – bietet heute Raum für die Auseinandersetzung mit geschichtlichen und aktuellen Themen zwischen Erinnerungskultur und Demokratieförderung am historischen Ort.

Quelle: Stadt Münster

Eine Frage an euch

Ich merke beim Schreiben dieses Beitrags, dass dieses Thema sehr viel größer ist als ein einzelner Text. Viele Fragen bleiben offen, und wahrscheinlich wird das auch so bleiben.

Deshalb möchte ich euch am Ende einfach etwas fragen:

Interessiert es euch, wenn ich mich hier auf dem Blog weiter mit diesem Thema beschäftige?
Mit Fragen rund um Geschichte, Erinnerungskultur und ähnlichem?

Oder ist das ein Themenfeld, das ihr auf Brigantis Kosmos eher nicht erwartet?

Ich bin gespannt auf eure Gedanken.

Dank

Zum Schluss möchte ich mich bei Günter Pesler für sein Engagement bedanken. Ich habe bereits mehrere seiner Vorträge besucht. Was mich dabei immer wieder beeindruckt, ist der Bezug zu meiner eigenen Heimatstadt.

Geschichte wird oft als etwas Großes und Entferntes wahrgenommen. Doch wenn historische Zusammenhänge mit unserer eigenen, eher beschaulichen Kleinstadt in Verbindung gebracht werden, bekommt sie eine ganz andere Nähe.

Es zeigt, dass Unrecht nicht nur anderswo geschieht. Manchmal passiert es direkt vor unserer Haustür.

Wir müssen nur bereit sein hinzuschauen.

Ein Gedanke zu „Stiefel auf der Treppe – eine Erinnerung und eine Frage aus der Geschichte

  1. Ich muss zugeben, dass ich ein paar Tage um den Beitrag rum geschlichen bin. Ich wollte ihn nicht so zwischen Tür und Angel lesen und es musste die Verfassung stimmen.
    Ich habe mich schon viel mit dem Thema auseinander gesetzt, da wir in meiner Kindheit und Jugend viel in Polen Urlaub gemacht haben und dabei einige Konzentrationslager besucht haben. Das sollte jeder mal gemacht haben und auch ich werde mit meiner Tochter, wenn sie ein gewisses Alter erreicht hat Ausschwitz oder Buchenwald besuchen.
    Ich kann mich auch an einige Begegnungen, mit alten Menschen in Polen erinnern, die nicht sehr nett zu uns, da wir für sie die „Nazi-Deutschen“ waren. Meine Eltern haben uns Kindern viel zu dem Thema erzählt. Sie wollten das wir verstehen was damals passiert ist, um dafür zu sorgen, dass es sich nie wiederholt. Aber auch um als Kinder zu verstehen warum einige Menschen so zu uns waren.
    Erst viel später bekam ich mit, dass auch ein Vorfahre von mir „mitgemacht“ hat und schlimme Dinge zugelassen und auch teilweise getan hat. Das musste dann auch erst mal verarbeitet werden.
    Das zu meiner Vorgeschichte zu dem Thema.
    Ich finde es gut das du zu dem Thema schreibst auch wenn es ein schweres Thema ist. Du hast genau den richtigen Ton getroffen und ich würde es auch gut finden weitere Beiträge dazu zu lesen. Auch wenn man sich auf das lesen ein wenig einstimmen muss und es nicht einfach mal so weg ließt.

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