Als ich mich heute Morgen an den PC setzte, hatte ich eigentlich geplant, die Bilder von der SPIEL in Essen zu bearbeiten und dir von meinem Besuch dort zu berichten. Doch dann kam alles anders. Zwischen den Bildern war auch ein Foto von einem Baumstumpf. Und schon schweiften meine Gedanken ab.
Aber lies selbst.
Letzte Woche wurde vor meiner Haustür ein Baum gefällt. Meine erste Reaktion: Empörung. Warum muss dieser Baum weg? Er spendete Schatten und war eines der wenigen Stücke Grün zwischen all dem Beton.
Am nächsten Tag schaute ich mir den Baumstumpf genauer an. Ein Riss zog sich durch das Holz. Der Baum war vor dem angekündigten Sturm gefällt worden. Das ergab durchaus Sinn. Ein beschädigter Baum kann bei starkem Wind zur Gefahr werden.
Ein paar Tage später erfuhr ich, dass es sich um eine Platane handelte, also um einen Baum, der bei uns nicht heimisch ist. Zufällig traf ich einen Mitarbeiter der Stadtverwaltung, der als Baumsachverständiger arbeitet. Als er merkte, dass ich mich nicht über die Fällung beschweren wollte, sondern tatsächlich Interesse an dem Baum hatte, wurde er gesprächig.
Unter anderem erfuhr ich seinen Namen und sein Alter. Auch für eine Platane war der Baum noch nicht besonders groß.
Und jetzt? Ist die Fällung deshalb weniger schlimm? Der Baum war schließlich noch nicht ausgewachsen. Er hätte noch viele Jahre Schatten spenden können.
Warum war er überhaupt rissig? Lag es an der Trockenheit? An den Bedingungen in der Stadt? An dem Beton ringsherum?
Ich weiß es nicht. Offenbar war die Fällung notwendig. Der Baum stand an einer Schule, an einer viel befahrenen Straße und an einem Radweg. Da gibt es einiges zu bedenken. Vielleicht hätte sich der Baum unter anderen Bedingungen besser entwickelt. Ich habe keine Ahnung, und das würde an dieser Stelle auch zu weit führen.
Ohne den Beton gäbe es allerdings auch weder die Schule noch meine Wohnung. Stadtbegrünung bedeutet eben nicht einfach, einen Baum zu pflanzen. Es gibt vieles, was bedacht werden muss.
Meine Gedanken machen einen Sprung zu zwei Artikeln, die ich in den letzten Tagen gelesen habe.
Die Wälder anderswo
2024 schrieb ich einen Beitrag über IKEA und die Abholzung alter Wälder in den rumänischen Karpaten. Durch einen Newsletter von Greenpeace war ich auf eine Petition aufmerksam geworden. IKEA-Möbel stehen auch bei mir zu Hause. Also wollte ich wissen, was hinter den Vorwürfen steckte.
Ich recherchierte, las Artikel und schaute Videos. Dabei erfuhr ich, dass es in den Karpaten noch alte Buchenwälder gibt, die zu den wertvollen Waldgebieten Europas gehören. Ich hatte mir vorher nie Gedanken darüber gemacht, woher das Holz für unsere Möbel kommt.
Am Ende unterschrieb ich die Petition. Nicht, weil ich glaubte, dass meine Unterschrift allein bei IKEA etwas verändern würde. Ich wollte die Menschen unterstützen, die sich für den Schutz dieser Wälder einsetzen.
Zwei Jahre später beschäftigt mich das Thema wieder. Die Diskussion um die Holzbeschaffung von IKEA und den Schutz der rumänischen Wälder ist nicht beendet. Greenpeace hat neue Vorwürfe erhoben, IKEA widerspricht wesentlichen Darstellungen. Wenn du dir selbst ein Bild machen möchtest, findest du Informationen bei Greenpeace und IKEA.
Ich habe die Berichte gelesen, möchte aber an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen. Denn mir geht etwas anderes durch den Kopf.
Die Wälder in den Karpaten sind weit weg. Ich habe keinen Wald direkt vor meiner Haustür. Das bedauere ich sehr. Vielleicht macht es die Bilder von abgeholzten Wäldern für mich auch so unwirklich. Als würde das alles auf einem anderen Planeten stattfinden und hätte nichts mit mir zu tun.
Gleichzeitig ist mir bewusst, dass die Dinge, die auf dieser Welt geschehen, nicht einfach von meinem Leben getrennt sind. Irgendwie hängt alles miteinander zusammen. Auch wenn ich nicht immer weiß, wie genau.
Kann ich den Bildern noch trauen?
Wir bekommen täglich so viele Bilder und Nachrichten zu sehen, dass ich manchmal nicht mehr weiß, was ich davon halten soll. Manche Bilder wirken beinahe zu passend, zu perfekt, um echt zu sein.
Gerade habe ich wieder ein Bild vor Augen: Ein Orang-Utan schaut traurig einem Bagger zu, der seine Heimat abholzt. Ich vermute, dass das Bild mit künstlicher Intelligenz erstellt wurde. Sicher weiß ich es nicht.
Trotzdem macht es etwas mit mir. Ich denke an den Lebensraum der Tiere und daran, was verloren geht, wenn Wälder verschwinden.
Vor ein paar Tagen sah ich auf Instagram einen Beitrag über einen abgeholzten Wald, der in Finnland liegen soll. Der Wald müsse einem KI-Rechenzentrum weichen. Zu sehen waren niedliche Waldtiere, dazu ein schrilles Kreischen als Ton.
Ob die Darstellung in allen Einzelheiten stimmt, habe ich nicht überprüft. Genau das beschäftigt mich. Ein Bild kann mich auf etwas aufmerksam machen, aber es kann mich auch in eine bestimmte Richtung lenken. Und wenn künstlich erzeugte Bilder dazukommen, wird es nicht einfacher.
Manchmal wünsche ich mir, dass ich nicht alles sehen und wissen müsste. Andererseits möchte ich auch nicht einfach wegschauen. Eine richtige Lösung habe ich dafür noch nicht gefunden.
Vielleicht sollte ich die sozialen Medien öfter meiden und mir meine Informationen wieder mehr aus der Zeitung oder den Fernsehnachrichten holen. Doch dort dreht sich vieles um die Weltpolitik. Finnland und die Wälder anderswo kommen in meinem Nachrichtenalltag kaum vor.
Woher also die Informationen nehmen? Und wie finde ich heraus, was stimmt?
Und was kann ich tun?
Eine Petition unterschreiben? Beim Möbelkauf auf Nachhaltigkeit achten? Mich über die Herkunft des Holzes informieren?
Das klingt vernünftig. Aber wie weit reicht mein Einfluss tatsächlich?
Seit meinem Artikel von 2024 sind zwei Regale bei mir eingezogen. Ich kaufe selten Möbel. Soll ich deshalb beim nächsten Kauf stundenlang recherchieren, welches Siegel verlässlich ist und welches vielleicht vor allem gut aussieht?
Ganz ehrlich: Das ist mir zu aufwendig. Es frisst Zeit. Und wenn ich ehrlich bin, interessiert mich die genaue Herkunft des Holzes im Alltag oft nur am Rande. Denn ich frage mich: Was kann ein Einzelner schon ausrichten?
Ich sehe es täglich beim Einkaufen. Ich schaue in die Einkaufswagen, die neben mir an die Kasse geschoben werden. Ein Einkauf, der mit meinem Gewissen hundertprozentig im Einklang steht, scheitert nicht selten an meinem Geldbeutel.
Ich möchte schon wissen, wofür ein Nachhaltigkeitssiegel steht. Nur fehlt mir die Zeit, bei jedem Produkt sämtliche Hintergründe zu prüfen. Und selbst wenn ich mich informiere, bleibt die Frage, was ich mit diesen Informationen anfange.
Ein gebrauchtes Möbelstück zu kaufen oder ein vorhandenes länger zu nutzen, ist für mich ein nachvollziehbarer Ansatz. Aber auch das löst nicht alle Probleme der Forstwirtschaft. Und ich kann nicht beurteilen, ob jede einzelne Fällung vermeidbar gewesen wäre.
Bei dem Baum vor meiner Haustür habe ich das gerade selbst erlebt. Erst war ich empört. Dann sah ich den Riss im Stumpf und verstand, warum man vor einem Sturm vorsichtig sein muss. Trotzdem finde ich es schade, dass der Baum nicht mehr da ist.
Steigende Nachfrage nach KI-Rechenzentren
Bei all diesen Gedanken fällt mir noch etwas ein: Ich nutze künstliche Intelligenz selbst. Bei der Rechtschreibprüfung, bei Recherchen, wenn mir ein Begriff fehlt oder ich über ein Bild den Namen eines Spiels oder Ortes herausfinden möchte. Und in Navigationssoftware steckt KI ebenfalls längst in vielen Funktionen, die wir selbstverständlich nutzen.
Ich möchte diese Möglichkeiten nicht missen. Sie erleichtern mir manches im Alltag.
Trotzdem ist mir bewusst, dass digitale Technologien Ressourcen benötigen. Ich lese über den Energiebedarf von Rechenzentren und über mögliche Folgen für Natur und Umwelt. Auch Windräder benötigen Rohstoffe und Flächen. Aber das ist ein anderes Thema.
Wenn Waldflächen für Rechenzentren weichen müssen, stellt sich für mich schon die Frage, wie das zusammenpasst.
Ich möchte nicht auf jede neue Technik verzichten. Aber ich möchte auch nicht so tun, als hätte deren Nutzung keine Folgen.
Wie viel Verantwortung trage ich als einzelne Nutzerin? Was kann ich überhaupt beeinflussen? Und wo liegt die Verantwortung bei den Unternehmen und denjenigen, die über solche Projekte entscheiden?
Große Fragen. Und ich habe keine Antworten darauf.
Wer möchte überhaupt entscheiden, was richtig ist? Für uns, die wir immer wieder vergessen, dass wir ein Teil der Natur sind. Mit ihr verbunden und nicht außen vor. Und für diejenigen, die nach uns kommen.
Warum ich darüber schreibe
Mir persönlich ist es wichtig, in meinem Alltag bei den Themen genauer hinzuschauen, die mich interessieren. Und meine Gedanken hier mit dir zu teilen.
Vielleicht verändert das bei dem einen oder anderen die Sichtweise. Vielleicht führt es dazu, dass jemand eine Frage mehr stellt oder eine Entscheidung noch einmal überdenkt. Vielleicht auch nicht.
Ich möchte weiterhin über solche Themen schreiben und sie dort vertiefen, wo ich es für notwendig halte. Nicht als jemand, der mit erhobenem Zeigefinger erklärt, wie die Welt funktioniert. Sondern als Mensch, der sich als Teil der Natur empfindet und weiß, dass er Verantwortung trägt. Auch im Kleinen.
Und manchmal beginnt das eben mit einem Baum vor der eigenen Haustür.

