Bei einem Samstagsspaziergang bleibe ich am Eingang des Friedhofs stehen. Meine Mitbewohnerin möchte zu einem bestimmten Grab, Herr Bretone ist bei mir. Während ich warte, schaue ich mich um und schließlich nach oben.
Ein wirklich großer Baum, dessen enorme Krone mir Schatten spendet, breitet sich über mir aus. Der Baum dort ist mir seit Jahren vertraut. Mein Arbeitsweg führt mich täglich an ihm vorbei, und trotzdem habe ich ihn bisher nie wirklich genauer betrachtet. Er war einfach da.
Ich schaue mir den Baum genauer an. Die Blätter könnten von einem Ahorn stammen. Zwischen den Zweigen entdecke ich allerdings Früchte, die mich eher an die Früchte einer Eiche erinnern. Das passt für mich nicht recht zusammen. Also nehme ich meine Pflanzen-App zur Hilfe.
Angesichts der Dürre im Sommer frage ich mich: Geht es dem Baum gut? Sind die Blätter wegen der Trockenheit so braun und vertrocknet, oder ist es einfach der Herbst, der sich bemerkbar macht und die Blätter bald zu Boden fallen lässt? Ich ärgere mich, dass ich so wenig über die Bäume an denen ich vorbei laufe, die ich für selbstverständlich empfinde, dass ich so wenig über sie weiß.
Ein Ahorn, der keiner ist
Die App tippt zunächst auf Ahorn. Bei den Blättern ist das durchaus nachvollziehbar. Aber was ist mit diesen runden, rauen Kugeln, die an langen Stielen zwischen den Zweigen hängen? Eiche ist es jedenfalls auch nicht.
Ein genauerer Blick bringt die Lösung: Vor mir steht eine Ahornblättrige Platane. Der Name erklärt die Verwechslung mit dem Ahorn. Die Blätter sehen sich tatsächlich ähnlich, während die kugeligen Früchte ein ganz anderes Bild ergeben.
Wieder etwas gelernt. Und wieder einmal zeigt sich, dass es sich lohnt, nicht nur kurz hinzuschauen, sondern sich Zeit zu nehmen. Zu recherchieren oder Fragen zu stellen.
Eine Rinde mit Tarnmuster
Auch die Rinde fällt mir jetzt richtig auf. Helle und dunkle Flächen wechseln sich ab, fast wie bei einem Tarnanzug. Meine Recherche ergibt: Das ist typisch für Platanen- Sie stoßen Teile ihrer äußeren Rinde ab, wodurch dieses auffällige Muster entsteht.
Blätter, Früchte und Rinde – der Baum hat jetzt meine volle Aufmerksamkeit. Dabei bin ich jahrelang an ihm vorbeigelaufen. Es war einfach ein großer Baum, der Schatten spendet und den Saatkrähen Nistmöglichkeiten.
Wo sind eigentlich die Saatkrähen geblieben?
Der Baum weckt noch eine andere Erinnerung. Bis vor ungefähr zwei Jahren hielten sich hier zahlreiche Saatkrähen auf. Auf meinem Weg zur Arbeit bin ich damals fast täglich an ihnen vorbeigekommen.
(Beim zu früh veröffentlichen Beitrag war es noch nicht sicher, welche Vögel es waren. Mittlerweile habe ich intensiv recherchiert und weiß nun, es sind Saatkrähen)
Mit den Grundschulkindern habe ich die Saatkrähen sogar mit meinem Fernglas beobachtet. Wir haben nach oben geschaut und verfolgt, was sich in der Baumkrone abspielte. Sowohl für die Kinder, als auch für mich, war das sehr interessant.
Inzwischen sind die Saatkrähen verschwunden. Zumindest sind sie nicht mehr so präsent wie damals. Ich glaube, sie sind umgezogen, bin mir aber nicht sicher, ob es dieselben Tiere sind.
Der Baum steht noch immer an seinem Platz. Während ich seine imposante Größe bewunderte, frage ich mich, wie lange wird er wohl noch Schatten spenden?
Vielleicht schaue ich beim nächsten Friedhofsbesuch wieder genauer hin. Ob die Platane inzwischen ihre Blätter verloren hat und wie es ihr nach diesem trockenen Sommer geht. Schließlich bin ich jahrelang an ihr vorbeigekommen, ohne mir Gedanken über sie zu machen. Jetzt, da ich weiß, was für ein Baum sie ist, werde ich sie wohl mit anderen Augen betrachten.



