Pisa beginnt im Alltag – Wie Kinder die Welt verstehen

Barbara setzt heute mit dem Freitagsfüller aus – warum, kannst du bei ihr nachlesen.

Ich für meinen Teil beschäftige mich mit den PISA-Ergebnissen dieser Woche.

Ich finde es vollkommen falsch, auf den Kindern herumzuhacken. Egal, ob Erstklässler oder Zehntklässler. Da gibt es ganz andere und viel wichtigere Ansätze. Wer sich die Lernsituationen in den meisten Schulen anschaut – Räumlichkeiten, Einrichtung, sanitäre Anlagen, die Personalsituation des Lehrkörpers, Zusammensetzung und Größe der Klassen – der muss ehrlich zugeben: Wäre das mein Arbeitsplatz, ich wäre schon weg.

Wir jedoch argumentieren mit der Schulpflicht. Und jedes Kind, das aus der Reihe tanzt, bekommt einen passenden Stempel.

Das nur vorneweg.

Die neuen PISA-Ergebnisse zeigen erneut, dass Deutschland bei den Leistungen der 15-Jährigen schlecht dasteht. In Mathematik und Lesen sind die Ergebnisse gegenüber 2022 weiter gesunken, in Naturwissenschaften ungefähr gleich geblieben. Gleichzeitig erreicht ein erheblicher Teil der Jugendlichen nicht einmal die grundlegenden Kompetenzstufen.

Aber was bedeutet das eigentlich für die Kinder, die heute in der Grundschule sitzen? Und vor allem: Was können wir tun, bevor aus Schwierigkeiten irgendwann schlechte PISA-Zahlen werden?

Darüber haben wir bei uns im OGS-Team gesprochen. Und dabei sind mir einige Situationen aus unserem Alltag wieder eingefallen.

Bild von Gábor Adonyi auf Pixabay

Ein Wort lesen zu können bedeutet noch lange nicht, dass man es auch versteht

Wir haben bei uns inzwischen Lernzeiten statt der klassischen Hausaufgabenbetreuung. Die Lehrerinnen und Lehrer bleiben mit der ganzen Klasse während dieser Zeit zusammen, wir aus der OGS unterstützen sie dabei. Die Kinder nehmen also keine Hausaufgaben mehr mit nach Hause. Das gilt für die Klassen 1 bis 4.

Eine Kollegin aus der dritten Klasse erzählte von Kindern, die ein deutsches Wort wunderbar lesen und auch richtig schreiben können – aber nicht unbedingt wissen, was dieses Wort bedeutet.

Das hat mich beschäftigt.

Denn genau da liegt ein Unterschied, den wir Erwachsenen leicht übersehen: Ein Kind kann ein Wort technisch beherrschen und trotzdem keine richtige Vorstellung davon haben.

Und das betrifft nicht nur Kinder, die mehrsprachig aufwachsen. Auch bei Kindern, die Deutsch als Muttersprache sprechen, fehlen manchmal ganz alltägliche Begriffe. Wörter, von denen wir Erwachsenen annehmen, dass sie selbstverständlich bekannt sind. Vielleicht, weil sie zu Hause nicht vorkommen. Vielleicht, weil wenig gelesen wird. Vielleicht, weil bestimmte Dinge im Alltag einfach nicht thematisiert werden.

Bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern kann zusätzlich vorkommen, dass ein deutscher Begriff im Alltag weniger häufig vorkommt. Dann fehlt nicht unbedingt das Wissen – sondern vielleicht einfach das deutsche Wort dafür.

Das Problem dabei: Wenn ein Kind ein Wort richtig liest, gehen wir schnell davon aus, dass es auch weiß, was es bedeutet.

Vielleicht müssen wir deshalb genauer hinschauen, bevor wir aus einer fehlenden Begrifflichkeit ein fehlendes Wissen machen.

Was stellst du dir darunter vor?

Das kann auch für Eltern interessant sein. Denn Eltern wissen nicht automatisch, welche Wörter ihr Kind kennt und welche nicht. Wenn das Kind einen Begriff problemlos vorliest, gibt es zunächst keinen Grund anzunehmen, dass es ihn nicht versteht.

Vielleicht hilft deshalb manchmal eine ganz einfache Frage: „Was stellst du dir darunter vor?“

Nicht: „Weißt du überhaupt, was das ist?“

Sondern eine offene Frage, die dem Kind die Möglichkeit gibt, zu erklären, was es sich darunter vorstellt. Dabei kann man schnell feststellen, ob wirklich Verständnis vorhanden ist oder nur das Wort bekannt ist.

Und manchmal merkt man dann, dass sich aus einem einzigen Wort ein ganzes Gespräch entwickeln kann.

Bild von Hanna auf Pixabay

Eine Mandarine aus Spanien – oder von Lidl?

Ein paar Tage später hatten wir in der Mensa Mandarinen zum Nachtisch.

Ich fragte die Kinder: „Woher kommt eigentlich die Mandarine?“

Die Antworten waren genau die, die ich erwartet hatte: „Von Lidl.“ „Von Aldi.“ Aber es kamen auch Antworten wie „Spanien“ und „Türkei“.

Und damit waren wir eigentlich schon mitten im Thema.

Denn natürlich kommt die Mandarine nicht aus dem Supermarkt. Der Supermarkt ist nur die letzte Station, an der wir sie kaufen. Also haben wir uns gemeinsam damit beschäftigt.

Eine Mandarine wächst an einem Baum. Sie wird gepflückt, sortiert und verpackt. Sie wird transportiert und landet irgendwann im Supermarkt. Einige Kinder wussten bereits, dass Mandarinen zum Beispiel aus Spanien oder der Türkei kommen können. Andere hatten die Mandarine zunächst ganz selbstverständlich mit dem Ort verbunden, an dem sie sie kaufen.

Und genau das fand ich spannend.

Denn keine dieser Antworten war eigentlich „dumm“. „Von Aldi“ beantwortet die Frage aus der Lebenswelt des Kindes. „Aus Spanien“ geht schon einen Schritt weiter zurück. Und wenn wir gemeinsam überlegen, wie die Mandarine überhaupt von einem Baum bis auf unseren Teller kommt, öffnet sich plötzlich eine ganze Kette von Fragen.

Wo wachsen Mandarinen? Wie sieht so ein Baum aus? Was bedeutet eigentlich „pflücken“? Wer pflückt die Früchte? Warum können wir sie zu bestimmten Zeiten im Jahr kaufen? Wie werden sie sortiert und verpackt? Wie kommen sie von dort zu uns? Wer arbeitet eigentlich daran, dass sie irgendwann im Supermarkt liegen? Was kostet eine Mandarine? Wie viele sind in einer Kiste? Und was passiert mit den Schalen?

Aus einer Mandarine wird plötzlich Geografie, Naturwissenschaft, Mathematik, Arbeit, Transport, Handel und Sprache.

Und vor allem: Es wird ein Gespräch.

Lernen passiert nicht nur am Schreibtisch

Vielleicht ist genau das ein Punkt, an dem wir ansetzen können.

Kinder lernen ständig. Nicht nur dann, wenn ein Arbeitsblatt vor ihnen liegt oder jemand ihnen einen Lernstoff erklärt. Sie lernen, wenn sie Fragen stellen. Wenn sie etwas beobachten. Wenn sie versuchen, einen Zusammenhang zu verstehen. Wenn ein Erwachsener nicht einfach die Antwort gibt, sondern gemeinsam mit ihnen nach der Antwort sucht.

Das kann beim Einkaufen passieren, beim Kochen, auf dem Weg zur Schule, beim Spaziergang oder eben beim Nachtisch in der Mensa.

„Woher kommt die Mandarine?“ ist zunächst eine ganz einfache Frage. Aber wenn man sie nicht nach zwei Sekunden mit „Aus Spanien“ beantwortet, sondern gemeinsam weiterdenkt, kann daraus eine kleine Entdeckungsreise werden.

Und genau solche Gelegenheiten brauchen Kinder.

Was können Eltern tun?

Ich glaube nicht, dass Eltern zu Hause jetzt zusätzlich Schule spielen müssen. Noch mehr Arbeitsblätter, noch mehr Übungshefte und noch mehr Druck sind für mich nicht die Lösung.

Viel wichtiger finde ich, miteinander zu reden. Dinge zu erklären. Fragen zuzulassen. Gemeinsam nachzuschauen, wenn man etwas selbst nicht weiß.

Was ist das eigentlich? Woher kommt das? Warum ist das so? Wie funktioniert das? Was glaubst du?

Und natürlich spielt Lesen eine wichtige Rolle. Wer liest oder vorgelesen bekommt, begegnet vielen Wörtern und Zusammenhängen, die im normalen Alltag vielleicht gar nicht vorkommen.

Aber auch hier geht es nicht darum, ein Kind ständig abzufragen. Ein Gespräch über eine Geschichte, eine interessante Stelle oder ein unbekanntes Wort kann viel mehr bringen als ein Vokabeltest.

Und was kann die OGS?

OGS hat aus meiner Sicht eine große Chance, weil hier Zeit und Alltag zusammenkommen.

Wir erleben die Kinder nicht nur in einer Unterrichtsstunde, sondern in vielen unterschiedlichen Situationen. Beim Essen, beim Spielen, im Gespräch, bei Angeboten und in der Gruppe. Wir können Fragen aufgreifen, die gerade entstehen, und daraus kleine Lernmomente machen.

Die Lernzeiten bieten dafür ebenfalls Möglichkeiten. Wenn Lehrkräfte und OGS-Mitarbeitende gemeinsam mit den Kindern arbeiten, kann man genauer hinschauen: Wo sitzt die Schwierigkeit eigentlich? Fehlt das Wissen? Fehlt ein Begriff? Fehlt die Übung? Oder hat das Kind etwas ganz anders verstanden, als wir angenommen haben?

Das ist ein Unterschied.

Und die Schule?

Natürlich kann Schule solche Dinge nicht allein auffangen. Dafür sind Klassen zu groß, Personal zu knapp und die Rahmenbedingungen an vielen Stellen nicht so, wie sie sein müssten.

Trotzdem kann auch Schule stärker daran anknüpfen, was Kinder aus ihrem Alltag mitbringen. Sprache, Lesen, Mathematik, Sachkunde und Naturwissenschaften müssen nicht immer in voneinander getrennten Schubladen stattfinden.

Die Welt ist schließlich auch nicht nach Stundenplan sortiert.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger danach fragen, warum ein Kind etwas noch nicht kann, und häufiger danach, was ihm fehlt, damit es es lernen kann.

Fehlt ein Begriff? Fehlt eine Erfahrung? Fehlt die Erklärung? Fehlt die Gelegenheit, eine Frage zu stellen? Fehlt Zeit?

Das sind für mich ganz andere Fragen als: „Warum kann das Kind das immer noch nicht?“

Vielleicht müssen wir anders hinschauen

Die PISA-Ergebnisse werden uns noch eine ganze Weile beschäftigen. Es wird Forderungen nach mehr Förderung, besseren Methoden und neuen Konzepten geben. Das ist sicher notwendig.

Aber vielleicht beginnt Lernen manchmal viel früher und viel einfacher.

Bei einem unbekannten Wort. Bei einer Frage beim Mittagessen.Bei einer Mandarine.

Denn manchmal liegt zwischen „Ich kann dieses Wort lesen“ und „Ich weiß, was es bedeutet“ eine ganze Welt.

Und manchmal beginnt diese Welt mit einer ganz einfachen Frage:

„Woher kommt eigentlich die Mandarine?“

Vielleicht müssen wir Kindern nicht immer mehr Stoff geben. Vielleicht müssen wir ihnen manchmal einfach mehr Möglichkeiten geben, die Welt zu verstehen.

Bild von geralt auf Pixabay

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