Weihnachtsvorfreude und unerwartete Gedanken
Weihnachten erwartet man sicher einen anderen Beitrag auf den Blogs. Zeit zum Lesen dieses vielschichtigen Themas hat man an den Weihnachtstage auch nicht wirklich. Schon gar nicht zum Schreiben. Aber irgenwie musste es heute sein.
Feminismus* im Alltag – Ein persönlicher Blick
In der 9. Klasse meiner Tochter gibt es einige heranwachsende junge Männer, die offenbar der Ansicht sind, Mädchen sollten sich primär auf ihre Rolle als Frau vorbereiten – eine Rolle, die sie als untergeordnet gegenüber Männern betrachten. Diese Information stammt nicht von meiner Tochter selbst, sondern wurde mir von einem Mitglied des Lehrpersonals mitgeteilt.
Die Meinung von ein paar wenigen in der Klasse hat spürbare Auswirkungen auf die Chemie im Raum. Es ist bemerkenswert, wie solche Haltungen im Kleinen wirken können. Dabei will ich bewusst nicht pauschalisieren – aber es ist schwer, an der Realität vorbeizusehen: Mädchen und Frauen erleben täglich Diskriminierung. Ein hartes Wort, ja, aber leider Alltag, wenn wir bereit sind, genauer hinzuschauen.
Das zeigt sich auch außerhalb des Klassenzimmers. Da feiert beispielsweise eine Partei den Wechsel des Vorstands hin zu einer „jüngeren“ Generation, die erfreulicherweise zu 50 % weiblich ist. Natürlich, man will es nicht zu sehr betonen – doch allein die Tatsache, dass es hervorgehoben werden muss, spricht Bände. Noch deutlicher wird es, wenn während der Rede einer Frau im neuen Vorstand ältere Herren ungerührt weitersprechen. Es ist, als würde diese Stimme gar nicht existieren. Solche Momente wirken wie eine Momentaufnahme von alltäglichem Ignorieren – und lassen ahnen, wie tief solche Muster verankert sind.
Vor ein paar Tagen habe ich geschrieben, dass ich mich intensiver mit dem Thema Feminismus beschäftigen möchte. Das hat mehrere Gründe. Zum einen liegt es an meinem täglichen Gegenüber: einer jungen Frau, Mutter einer Tochter, die mir immer wieder zeigt, wie wichtig es ist, über Rollenbilder, Gleichberechtigung und die Realität, in der wir leben, nachzudenken.
Die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter und ihre Auswirkungen
Zum anderen liegt es an mir selbst. Ich bin eine Frau, die seit 2005 ihre Kinder alleine großzieht oder großgezogen hat, die allein für das Familieneinkommen verantwortlich ist. Eine Frau, die sich immer wieder Sätze anhören darf wie: „Hättest du einen Mann, der das Geld nach Hause bringt, ginge es dir finanziell besser. Warum suchst du dir keinen?“
Diese Worte treffen tief. Nicht nur, weil sie mein Leben auf ein „fehlendes Puzzlestück“ reduzieren, sondern auch, weil sie die Stärke, die Resilienz und die tägliche Arbeit, die ich leiste, völlig ausblenden. Es sind solche Momente, die mir klar machen, wie alltäglich diese Denkweisen immer noch sind – und wie notwendig es ist, darüber zu sprechen, dagegen zu stehen und für eine andere Perspektive zu kämpfen.
Diese Sätze kommen übrigens zu 80% von FRAUEN.
Annie Lennox und die Bedeutung von Frauenrechten
Heute Morgen in der Tageszeitung steht ein Artikel über Annie Lennox, die morgen 70 Jahre alt wird. Mir ist sie als Sängerin bekannt. Doch in diesem Artikel steht auch, dass sie sich seid Jahrzehnten für humanitäre und soziale Projekte einsetzt. Unter anderem für die Frauenrechte. Dafür ist sich auch schon von Queen Elisabeth II ausgezeichnet worden.
Doch was sind eigentlich Frauenrechte? Kurz gesagt: Frauenrechte umfassen alle Rechte, die Frauen zustehen, um gleichberechtigt und selbstbestimmt leben zu können. Sie beinhalten unter anderem den Zugang zu Bildung, wirtschaftliche Unabhängigkeit, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, politische Mitbestimmung und die Freiheit, über das eigene Leben und den eigenen Körper zu entscheiden.
Trotz rechtlicher Fortschritte in vielen Ländern bleibt die Umsetzung dieser Rechte weltweit ( das schließt Deutschland mit ein !) eine Herausforderung. Frauen erleben immer noch Diskriminierung, Gewalt und Ungleichbehandlung, sei es im Beruf, im Bildungssystem oder im privaten Leben. Initiativen wie die von Annie Lennox sind daher essenziell, um auf diese Missstände aufmerksam zu machen und Veränderungen voranzutreiben.
Auf meiner Suche nach einer Antwort stoße ich als erstes auf die Organisation „Women For Women International“ . Mein erster Gedanke: Was hat das mit meinen Frauenrechten zu tun? Ich bin skeptisch. Dennoch lese ich weiter und entdecke als Nächstes die Seite „frauenrechte.de“
Während ich mich eigentlich auf ein friedliches Weihnachtsfest freue, bleibt mein Blick an einer Überschrift hängen – und plötzlich wird mein Gedanke ernster.
Zitat von frauenrechte.de
Zu den Anlaufstellen für gewaltbetroffene Frauen : Für alle die sich an Weihnachten oder einem anderen Tag im Jahr nicht sicher fühlen – ihr seid nicht allein. Holt euch Hilfe ! Jetzt.
Ich habe diese Abschnitt mit dem Link für die Anlaufstellen versehen. Wer weiß, wer das hier gerade liest.
Feminismus im Alltag: Warum es auch die kleinen Themen sind, die zählen
Da bin ich also mittendrin, mitten im Thema. Frauenrechte sind auch Menschenrechte. Es geht um so viel – um häusliche Gewalt, um den Zugang ungewollt Schwangerer zu einem sicheren Schwangerschaftsabbruch, um Frauenhandel und Prostitution. Themen, die groß, komplex und oft erschütternd sind.

Quelle: pixabay
Und dann frage ich mich: Ist mein Thema da nicht viel zu klein? Feminismus in meinem Alltag. Frauenrechte in meinem Alltag. Doch vielleicht ist es genau das, was zählt – im Kleinen anfangen, das Bewusstsein schärfen, im eigenen Umfeld hinsehen und handeln. Denn Veränderung beginnt nicht immer mit den großen Themen, sondern oft mit den kleinen Schritten, die wir täglich gehen.
Der Deutsche Frauenrat beschreibt seine Grundsätze wie folgt.
Gleiche Verwirklichungschancen für Frauen und Männer in allen Bereichen von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sind dafür eine Grundvoraussetzung. Dazu gehören insbesondere die uneingeschränkte gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Teilhabe sowie die Anerkennung und Wertschätzung sowohl der bezahlten als auch der unbezahlten Arbeit und Leistung von Frauen.
Quelle: Deutscher Frauenrat
Die Ungleichheit der Arbeitswelt: Frauen im Beruf
Genau das ist mein Alltagsthema: die fehlende Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit und Leistung von Frauen. Kaum ein Mann – oder nur die wenigsten – würde unter den Arbeits- und Gehaltsbedingungen, die meine Kolleginnen und ich erleben, dieselbe Arbeit machen. Und das als Hauptverdiener, wohlgemerkt. Die wenigen Männer, die bei uns arbeiten, befinden sich meist bereits im Vorruhestand und sehen diese Tätigkeit als Nebenverdienst. Wie kann das sein?
An Grundschulen unterrichten deutlich mehr Frauen als Männer. In Kindergärten zeigt sich dasselbe Bild. Und ich höre sie schon, die Sätze in meinem Kopf, die erklären, warum diese Arbeit angeblich „besser von Frauen erledigt werden sollte“.
Ein anderer Satz, der mich immer wieder nervt, ist: „Frauen können Multitasking – Männer nicht wirklich.“ Hallo? Was bleibt einer Frau übrig, die Haushalt, Kinder und Beruf zu 100 % oder 90 % alleine managen muss? Es ist kein Talent, sondern schlichtweg Notwendigkeit.

Warum nehmen Frauen – besonders Mütter – sich beruflich zurück? Oft, weil der Partner in einer gleichwertigen beruflichen Position deutlich mehr verdient. Der finanzielle Ausfall wäre für die Familie ungleich größer. Aber was bedeutet das langfristig für die berufliche Zukunft der Frau? Davon kann ich ein Lied singen.
Da steht es dann in der Bewerbung: „vier Kinder“. Im Vorstellungsgespräch folgt die Frage: „Haben Sie überhaupt Zeit, arbeiten zu gehen? Wer kümmert sich um die Kinder, wenn sie krank werden?“ Und ich frage mich: Werden Männer solche Fragen auch gestellt?
Die Antwort darauf könnte weitreichende Konsequenzen für die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz und das gesellschaftliche Bild von Familie haben. Doch was passiert, wenn Frauen anfangen, diese Fragen nicht mehr zu akzeptieren? Was würde sich ändern, wenn wir gemeinsam eine Kultur schaffen, in der der Wert von Frauen – und besonders von Müttern – endlich anerkannt wird?
Die kommenden Veränderungen könnten mehr sein als nur eine kleine Verschiebung. Sie könnten der Beginn einer viel größeren Bewegung sein. Doch der Weg dahin ist noch lang, und es gibt noch viel zu tun.
*Feminismus ist eine soziale und politische Bewegung, die sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzt.
Liebe Britta, so ein wichtiger Blogpost! Und für das Thema „Frauenrechte sind Menschenrechte, im Kleinen wie im Großen“ ist immer der richtige Zeitpunkt.
Mich beschäftigt diese Schieflage der Gesellschaft seit den 80ern intensiv. Und ich bin dabei nie nennenswert ruhiger geworden, denn die Ungerechtigkeit in der Welt hat sich auch nicht grundlegend geändert. Gefühlt geht es für jeden zweiten Schritt vorwärts einen Schritt wieder zurück. Jede Generation muss sich da wieder neu rein denken, wieder müssen Mädchen und junge Frauen sich wieder neu erkämpfen, was schon gesichert schien, ihre Grenzen abstecken und iegtnlich selbstverständliche Dinge erklären.
Da ist ein Blogartikel wie dieser hier ein wertvoller Beitrag für mehr Aufmerksamkeit und mehr Verständnis, worum es eigentlich geht.
Danke! Und liebe Grüße
Angela
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Liebe Angela, danke für deine Worte.
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