In diesem Beitrag nehme ich dich mit auf die andere Seite meines Tages in Aachen – dorthin, wo es nicht um Schaufensterbummel oder Sightseeing geht, sondern um Begegnungen mit Menschen, die durchs Raster gefallen sind. Es geht um Obdachlosigkeit, um das Geben und das Nicht-Wissen, was richtig ist. Vielleicht ist das nicht dein Thema – völlig okay. Dann lies lieber meinen zweiten Beitrag. Der ist leichter, bunter, und dreht sich ums Shoppen und kulturelle Eindrücke. Beides gehört zu meinem Tag. Beides ist echt.
Mein Ausflug nach Aachen
Ich war seit langem noch mal in Aachen. Es ist sicher ein paar Jahre her. Meine Fotos vom Tag zeichnen ein Bild voller schöner Momente. Die gab es auch. Wir haben albern gelacht, wie zwei junge Teenager. In den Erinnerungen von erste Wohnung und Taufe des ältesten Kindes geschwelgt, meine Freundin und ich. Sie hat mir erzählt, wie ihr Viertel damals aussah. Heute ist es trostlos. Leerstand in Wohnungen und Geschäften. Dafür gibt es einen Steinwurf entfernt ein überdimensionales Einkaufszentrum, dass ich so attraktiv finde, dass ich nur zur Eröffnung vor knapp zehn Jahren dort drin war.
Unser Ausflug startete mit dem online Ticket des ÖPNV, bei dem die Entwertung im Bus nicht funktionierte. Dem Busfahrer war es egal. Mir dann auch. Meine Freundin war eine Stunde vor mir los, wegen ihres Termins und hatte dasselbe Problem. Lag dann auch nicht an mir, dass die Technik nicht funktioniert.
Wer bin ich, dass ich entscheide, wofür jemand Geld ausgibt, dass ich ihm schenke
Der Kaffeedurst trieb uns in ein Café mit Außensitzplätzen und ich wollte gerade an meiner Tasse trinken, als ein Mensch an den Tisch trat und um ein bisschen Geld für ein Brötchen oder ein Getränk bat. Schnell hatte ich entschieden, Geld bekommt er keins, aber gerne etwas zu essen und zu trinken. Er äußerte seinen Wunsch und ich ging ins Café. Als ich die Bestellung bezahlte, gab ich dreimal so viel Geld aus, als um den Betrag, um den er mich gebeten hatte. Er bedankte sich und zog von dannen. Zu meiner Freundin sagte ich lapidar: „Das hätte ich billiger haben können, aber ich gebe ja kein Geld.“
Als ich vorhin mit dem Hund eine Runde ging und den Tag an mir vorbeiziehen ließ, durchkreuzte genau die oben gestellte Frage durch meinen Kopf.
Wer bin ich, dass ich entscheide,
wofür jemand Geld ausgibt, dass ich ihm schenke?
Warum mich das Thema so berührt
Rückblick auf vergangene schwere Zeiten
Wir alle sind nur einen Schritt vom Abgrund entfernt. Die Grenze der „normalen“ Gesellschaft zu überschreiten und ins Aus zu treten. Nicht mehr dazuzugehören. Ich habe es selber erlebt und nicht vergessen. Die Zeit nach der Trennung war ein finanzielles und emotionales Desaster. Es dauerte unendlich lange, bis ich wieder auf der Spur war. Ohne die vielen helfenden Hände und die ein oder andere Geldspende wäre ich wohl nicht mehr auf die Füße gekommen. Es gab natürlich das berühmt-berüchtigte soziale Netz des Staates. Aber auch das braucht eine gewisse Anlaufzeit. Mit drei Kindern war es fast unmöglich eine Wohnung zu finden und kurz bevor wir das Haus verlassen mussten, fand ich mit Hilfe eine Wohnung. In ihr lebe ich heute noch. Ich balancierte immer wieder am Rande des Abgrundes, bekam immer noch die Kurve und würde sagen, seit acht Jahren sitze ich fest im Sattel. Sofern das Leben mich nicht abwirft.
Eine Begegnung am Morgen
Ich sitze mit meiner Freundin im Café. Trotz Regens habe ich geschützt in meiner Wohnung geschlafen. Morgens frisch geduscht gefrühstückt und bin gut gelaunt nach Aachen gefahren.
Unvermittelt steht dieser Mensch vor mir, bittet um etwas Geld und in meinem Kopf geht die Schublade auf: „Braucht er sicher für Alkohol oder Drogen. „Ich kenne diesen Menschen nicht, seine Geschichte ist mir unbekannt und ich werde ihn wohl auch nie mehr wieder sehen. Ich habe heute unzählige Menschen gesehen, die entweder balancieren oder schon abgestürzt sind. Ich konnte nicht mehr geben, das ist auch in Ordnung. Aber in meinem Kopf habe ich die Schubladen aufgemacht. Das ist nicht in Ordnung. Hätte man mir nicht die ein oder andere helfende Hand in meiner schlimmsten Zeit gereicht, wer weiß, wo ich jetzt wäre.
Es gibt keine einfache Antwort auf meine Frage
Also, wer bin ich, dass ich urteile über einen mir fremden Menschen, der in unsauber, abgerissenen Kleidern vor mir steht?
Im Gegensatz zu ihm, muss ich nicht betteln, um das, was ich gerade in diesem Moment brauche, zu bekommen.
Ich möchte meine innere Einstellung verändern. Ich bin nicht besser als dieser Mensch. Denn wir sind alle Menschen. In unterschiedlichen Lebenssituationen. Manchmal braucht ein anderer Mensch Hilfe, die ich ihm geben kann. Ein Brötchen, ein Kaffee, ein Geldbetrag. Was er damit macht, geht mich nichts an. Wichtig ist, dass er in diesem Moment Hilfe spürt, keine Verurteilung.
Betrachte das Geben nicht als eine Pflicht, sondern als ein Privileg.
John D. Rockefeller Jr., amerikanischer Philanthrop
Die Schublade in meinem Kopf
Ich werde weiterhin Menschen begegnen, die mich herausfordern – nicht nur äußerlich, sondern in meinem Inneren. Vielleicht gebe ich beim nächsten Mal Geld. Vielleicht nicht. Vielleicht schenke ich ein Lächeln oder ein offenes Ohr. Wichtig ist, dass ich die Schublade in meinem Kopf geschlossen lasse. Oder besser noch: Dass ich sie ausräume. Denn Mitgefühl beginnt nicht mit der perfekten Lösung, sondern mit einem offenen Herzen.
Schwieriges Thema…..Ich hätte genauso entschieden wie du….habe ich auch schon.
Wenn dich jemand auf der Straße um etwas Kleingeld bittet dann hat er kaum im Sinn seine Miete davon zu bezahlen oder sich etwas zum anziehen zu kaufen.
Die Meisten freuen sich sehr über das Brötchen und den Kaffee denn sie wissen selber das sie Geld nicht für das eigentlich Wichtigste ausgeben würden…Essen und trinken sondern ihre Sucht befriedigen werden.
Ich habe sehr lange in dem Bereich gearbeitet, kenne sehr viele Menschen die Täglich nach klein Geld fragen und genau aus dem Grund gibt es von mir immer etwas zu essen oder Trinken aber niemals Bargeld.
Du könntest natürlich auch einfach den Menschen fragen wofür er denn das Geld braucht um das er bittet 😊… Ehrlichkeit vorausgesetzt oder Menschenkenntnis zu merken wann jemand lügt ….öffnet sich dann keine Schublade und du kannst immer noch entscheiden 😉
Ich finde es toll das du wieder alles im Griff hast ich weiß gut wie es ist wenn der Boden weggerissen wird ❤️
Herzliche Grüße, Sandra
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Danke für das Feedback
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Danke liebe Britta, für diesen Denkanstoß, Du hast das genau richtig gemacht. Ist nicht immer einfach und oft urteilen wir viel zu schnell… Ich auch.
Liebe Grüße Katrin
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Danke für dein Feedback
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Guten Morgen liebe Britta,
ich gebe meistens auch kein Geld, sondern kaufe Kaffee, Kuchen, Brötchen usw. Aber es gibt auch Momente in denen ich Geld gebe, obwohl ich weiß, dass derjenige sich vermutlich Drogen und/ oder Alkohol besorgen wird. Ich sehe das jedoch so: Dieser Mensch benötigt die Drogen vielleicht grade viel dringender als etwas zu essen, denn ein kalter Entzug auf der Straße kann für diesen Menschen lebensbedrohlich sein/ werden. Und manchmal hilft es den Obdachlosen nicht, wenn sie Brot, Brötchen…bekommen, wenn sie vielleicht schon auf zehn andere Menschen gestoßen sind, die ihnen Lebensmittel gekauft haben. Für mich ist es immer eine Momententscheidung, aufgrund einer Momentaufnahme.
Grundsätzlich würde ich immer dazu neigen kein Geld zu geben, aber wie schon geschrieben, es gibt Situationen, in denen ich mich für Geld entscheide.
Ich glaube, dass es kein einfaches Thema ist und es gibt sicherlich viele Menschen, die sagen: „Auf keinen Fall gebe ich Geld, damit er/ sie seine Sucht finanzieren kann.“ Aber wie schon geschrieben: Ein kalter Entzug auf der Straße kann unter Umständen lebensbedrohlich sein.
Ich finde, dass es generell viel zu wenig Streetworker gibt, die sich um all die Obdachlosen kümmern. Meist sind die Menschen, die auf der Straße leben schon so tief unten, dass sie da von alleine nicht mehr raus kommen. Und hier versagt meines Erachtens die Politik. Ich finde es eine Schande, dass es in einem Land wie Deutschland überhaupt Menschen gibt, die obdachlos sind. Ausgenommen sind jene, die es sich selbst ausgesucht haben. Bei uns gab es mal einen obdachlosen Mann, der diesen Weg selbst gewählt hat. Er war früher Lehrer und hatte keine Lust mehr auf das System.
Naja, ich glaube, es ist ein sehr schwieriges Thema und jeder muss am Ende selbst entscheiden was er gibt. Aber wenn jemand Geld gibt, dann sollte es auch okay sein, den Obdachlosen selbst entscheiden zu lassen, was er damit kauft.
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Liebe Anja, vielen lieben Dank für dieses lange Feedback.
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Liebe Britta, ich habe deinen Blogpost in meinem Rückblick erwähnt und dann fiel mir auf, dass ich gar nicht hier kommentiert hatte. Ich kann diese Gedanken sehr gut nachvollziehen, sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Meiner Meinung nach ist am wichtigsten die Haltung der Beteiligten, dass die auf einer menschlichen Ebene gegenseitig wertschätzend zusammenkommen. Und dass wir uns alle gegenseitig ein bisschen im Blick haben ❤️Danke, dass du dir um deine Mitmenschen solche Gedanken machst!
Liebe Grüße
Angela
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Liebe Angela, danke dir. Ja, das Thema geht mir so was von überhaupt nicht aus dem Kopf. Liebe Grüße
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